Thor

Überlieferungen und Neuinterpretationen zu den Göttern der Germanen.
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Rewa Kasor
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Thor

Beitrag von Rewa Kasor » Montag 23. März 2020, 13:32

Thor gehört zu den bekanntesten Göttern der nordischen und germanischen Götterwelt. Als Sohn des Allvaters Odin und Donnergott wird er zumeist als kriegerisch, teils sogar als streitsüchtig und gewalttätig beschrieben. Diese Darstellung ist jedoch sehr einseitig. Thor ist nicht nur der kämpferische Beschützer Midgards, sondern auch ein Wetter- und Vegetationsgott.

In der nordischen Götterwelt gibt es eine Asin, die als Erdgöttin Macht über den Boden, Pflanzen und Tiere ausübt. Ihr Name ist Jörd und sie ist Thors Mutter.

Als Beschützer Midgards ist Thor von Odin beauftragt, mittels Gewalt und Abschreckung Feinde fern zu halten. Jörds Auftrag an Thor ist die Urbarmachung des Bodens und das Fördern von Fruchtbarkeit und Wachstum. Diese Kombination von bäuerlichen und kriegerischen Pflichten zeigt sich auch in Thors Insignien.

Mjollnir (später Mjölnir), der Hammer Thors, wurde ursprünglich als Werkzeug und nicht als Waffe erschaffen. Die Zwerge (Dunkelalben) Sindri und Brokk fertigten ihn an, um Thor das Roden von Bäumen zu erleichtern. Als Waffe kann Thor Mjölnir nur einsetzen, wenn er seinen Eisenhandschuh Jarngreipr verwendet und beides kann er nur nutzen, wenn er zuvor den Kraftgürtel Megingiard anlegt, der ihm "doppelte Asenkraft" verleiht. Mjölnir ist somit sowohl Werkzeug (und Fruchtbarkeitssymbol) als auch Kriegswaffe.

Ähnlich verhält es sich mit den Ziegenböcken Tanngnjostr (Zähneknisterer) und Tanngrisnir (Zähneknirscher), die Thors Streitwagen ziehen. Diese Tiere vereinen in sich die Kraft und Schnelligkeit von Pferden und die Wildheit von Auerochsen. Im Kampf gelingt es auch den stärksten Gegnern nicht, sie zu stoppen. Wer ihnen nicht aus dem Weg geht, wird nieder getrampelt.

Vegetations- und Fruchtbarkeitsgötter unterliegen oftmals einem sich ständig wiederholendem Rhythmus von Leben, Tod und Auferstehung. Damit leiten sie die Vegetationsfolge, die Jahreszeiten und die ständige Folge von Werden und Vergehen. Thor kann es sich nicht leisten, einen großen Teil des Jahres nicht präsent zu sein. Diesen Teil übernehmen symbolisch seine beiden Böcke. Werden sie geschlachtet, so muss streng darauf geachtet werden, dass das Fell und besonders die Knochen nicht beschädigt werden. Legt man beides neben ein Feuer, so erwachen die Böcke wieder zum Leben. (Die Tradition des Julbock geht hierauf zurück. Vergleiche auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Julbock

Aus: Gylfaginning, Kapitel 44
Thor und Loki kamen des Abends zu einem Bauern und erhielten Nachtquartier von ihm. Vor dem Nachtessen packte Thor seine Böcke und schlachtete sie beide. Dann wurden sie enthäutet und für den Kessel zurechtgemacht. Und als sie gar gekocht waren, da setzte sich Thor mit seinem Gefährten zum Essen. Er lud den Bauern mit Frau und Kindern dazu ein; der Sohn des Bauern hieß Thjalfi, die Tochter Röskva. Da legte Thor die Bocksfelle vor dem Feuer auf den Boden und sagte, der Bauer und die Seinen sollten die Knochen auf die Felle werfen. Thjalfi, der Bauernsohn, faßte den Schenkelknochen des Bocks, spaltete ihn auf seinem Messer und brach ihn auseinander, um zu dem Mark zu gelangen. Thor übernachtete dort. Im Morgengrauen, vor Tage, stand er auf, kleidete sich an, nahm den Hammer Mjölnir, erhob ihn und weihte die Bocksfelle. Da standen die Böcke auf. Der eine aber lahmte am Hinterfuß. Thor bemerkte das und sagte, der Bauer oder seine Hausgenossen wären wohl mit den Knochen nicht schonend umgegangen; er wies darauf hin, dass der Schenkelknochen gebrochen war. Wir brauchen hierbei nicht lange zu verweilen: jeder kann sich selbst die Angst des Bauern vorstellen, als dieser sah, wie Thor seine Wimpern über die Augen senkte; und so wenig von den Augen zu sehen blieb, so meinte er doch zu Boden sinken zu müssen vor dem bloßen Blick des Gottes; dieser umspannte den Hammerschaft so fest mit den Händen, dass seine Knöchel weiß wurden. Der Bauer benahm sich, wie zu erwarten war, und ebenso die Seinen. Sie wehklagten laut, baten um Schonung und boten all ihre Habe als Buße an. Und als er ihre Angst sah, da verging ihm der Zorn, und besänftigt nahm er zum Ausgleich ihre Kinder an, Thjalfi und Röskva. Sie wurden zu seinem Dienst verpflichtet und begleiteten ihn seitdem immer.

Der Wächtergott Heimdall und der Donnergott Thor werden abwechselnd als "Stärkster der Asen" bezeichnet. Dieser Streit kann vermutlich nicht entschieden werden. Trägt Thor den Kraftgürtel Megingiard, so ist er Heimdall an Körperkraft überlegen. Trägt er ihn nicht, so ist Heimdall der Stärkere. Da Megingiard nur bei Thor seine Wirkung zeigt, wird er jedoch als Teil von ihm betrachtet.

Thor kann sehr aufbrausend und jähzornig sein. Als er von Utgardloki genarrt und gedemütigt wird, hat seine gewalttätige Reaktion die Entvölkerung Utgards zur Folge.

Aus: Gylfaginning, Kapitel 45–47
Als Thor mit Loki, Thialfi und Röskwa gen Utgard zog, begegneten sie Utgardloki zunächst in der Gestalt des Riesen Skrymir. Nachdem sie in dessen Halle angekommen waren, wurden Thor und seine Begleiter zu Wettkämpfen herausgefordert. Loki konnte im Wettessen nicht mit Logi mithalten. Thialfi wurde im Wettlauf von Hugi besiegt. Thor versuchte vergeblich ein Trinkhorn leer zu trinken, unterlag im Ringkampf gegen die Amme Elli und mühte sich vergeblich eine Katze hochzuheben.
Erst am nächsten Tag offenbarte Utgardloki dem zerknirschten Thor sein Blendwerk. Logi war das fressende Wildfeuer, das nicht nur die Speise im Trog, sondern auch sämtliche Knochen und den Trog selbst mit verzehrte. Hugi war der windschnelle Gedanke, den Thialfi nicht einholen konnte. Thors Trinkhorn war am anderen Ende mit dem Meer verbunden, weshalb es nicht geleert werden konnte. Die Amme Elli war das Alter, das noch niemand beugen konnte, und die auf dem Boden liegende Katze war nichts anderes als die Midgardschlange selbst.
Obwohl Thor die ihm auferlegten Prüfungen nicht meistern konnte, war Utgardloki erschrocken über dessen Stärke und offenbarte ihm, dass er seine Burg zukünftig mit Trug und Blendwerk versehen werde, damit Thor diese nie wieder finden würde. Thor erzürnte, als er hörte, wie er genarrt worden war, und hob seinen Hammer, um Utgardloki zu erschlagen. Aber sowohl dieser als auch dessen Burg verschwanden plötzlich vor Thors Augen und konnten auch nicht wiedergefunden werden.


Sieht man Thor nur als unbeherrschten Gewalttäter, wird man ihm jedoch nicht gerecht. Er ist ein Freund der Menschen, über die er wacht, jedoch nie bevormundet. Er geleitet Schiffe im Unwetter zum sicheren Hafen, schützt die Ernte und ist besonders den Kindern ein Freund und Lehrer. Das Jörd, die Erdgöttin, auf Midgard kaum in Erscheinung tritt liegt zu einen großen Teil daran, dass ihr Sohn Thor die Aufgaben als Vegetations-, Wetter- und Fruchtbarkeitsgott so gut und umfassend erfüllt.
Zu stolz, um die Fresse zu halten. Zu ehrlich, um beliebt zu sein. Zu selbstbewusst, um aufzugeben.

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